Die Reaktion war zu erwarten. Sie kann ja durchaus annerkennend gemeint sein, muß es aber nicht.

Siehe

http://de.wiktionary.org/wiki/Wahnsinn

und

http://de.wikipedia.org/wiki/Wahnsinn

Jedenfalls war kein Wort am 10. November 1989 so häufig gefallen wie dies: Wahnsinn! (Die Mauer war weg.)

Und Katzanzakis legt es Alexis Zorbas so in den Mund:

"Boss, Ich mag Dich. Du bist so begabt. Nur Eines hast Du nicht mitgekriegt: Wahnsinn. Und ein Mann braucht einen Wahnsinn, um frei zu sein!"

Und Wolf Biermann antwortete auf die Frage, ob er, Biermann, da nicht ein bischen zu weit gehe:

"Man kann zu weit zuweit gehen, aber man muss zuweit gehen. Auch das zuweit gehen hat sein Maß."

Und sang dazu:

"Mein Lieber, das kommt von der Arbeitsteilung.
Der Eine schweigt, und der Andere schreit.
Wenn solche wie Du entschieden zu kurz gehen,
dann gehen eben Andere ein bischen zuweit!"

Soweit die Ballade für einen wirklich tief besorgten Freund.

http://www.youtube.com/watch?v=DHzacViqGiI

(Danach liesse sich bei Biermann fortfahren mit "Warte nicht auf bess're Zeiten" und "Ermutigung"...)


In "Little Big Man" von 1970 stellt Häuptling Old Lodge Skins (im hohen Alter) fest:

"Dies ist ein guter Tag zum Sterben."

http://www.youtube.com/watch?v=QwgnDn8ez9g&NR=1 

 

In Afghanistan könnte es zur Konfrontation kommen, bei der es sich empfiehlt, zuvor schon eine Antwort auf folgende Frage zu haben:

"Wieso sollte es gerade heute kein guter Tag zum Sterben sein?!"

Zum Kapitel Wahnsinn ist ein Querverweis hier enthalten:

http://de.wikipedia.org/wiki/Little_Big_Man_(Film)

 

Und Alfons Jørgensensagt zu Elling: "Im Wahnsinn liegt die Kraftquelle aller Dichtung." http://de.wikipedia.org/wiki/Elling_(Film)

 

Dazu noch eine Anfügung, die eigentlich unter "Preußen mit und ohne Legende" gehört:

Bismarck erklärte seine Bereitschaft, im Konflikt des Königs mit dem Parlament Regierungsverantwortung auf der Seite des Königs zu übernehmen.
Darauf der König zu Bismarck: "Ich sehe voraus, wie das alles enden wird. Auf dem Opernplatz, vor meinen Fenstern, wird man Ihnen den Kopf abschlagen, und etwas später mir." Bismarck: "Et après, Sire?" - "Ja, après; dann sind wir tot." - "Ja, dann sind wir tot. Aber sterben müssen wir früher oder später doch, und können wir anständiger umkommen?"

Wahnsinn!

(Und übrigens insofern legendär: Die Szene könnte auch im Nachhinein erfunden sein. Es gibt aber schlechtere Erfindungen...)

 

Zum Wahnsinn auch Hanns Dieter Hüsch: Hagenbuch in der Anstalt Bless-Hohenstein:

http://www.youtube.com/watch?v=TehNFiAPJxA

Seither gibt es kaum Neues aus der Anstalt.

Siehe auch Daniel 4, 26-34: http://www.bibel-online.net/text/luther_1912/daniel/4/#31

 

Lebensgefährlich? "Meine Stimme wird sich noch aus des Grabes Tiefe Gehör zu verschaffen wissen", erklärte Olympe de Gouges selbstbewusst vor dem Revolutionstribunal: http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-68812750.html

 

Seit Herbst 1979 bewegen mich Schicksale "all jener, die nicht bereit sind ein ständig unterbewertetes Leben hinzunehmen." So formulierte es Walter Andreas Schwarz in seiner Sendung "Im Jahr 2000" zum 20. Todestag von Boris Vian. (Diese Radio-Collage ist ebenso verschollen wie seine Sendereihe "Für eine bessere Welt", letztere immerhin preisgekrönt.)

Mein Projekt soll es mir auch ermöglichen, aus einem ständig unterbewerteten Leben auszubrechen - Wobei ich mich streng an die Gesetze der Mediengesellschaft halten muss, damit das gelingt: Ohne etwas Sensationelles gibt es kein Gehör. (Die Sendereihe "Einfach Gut" hat der Hessische Rundfunk ja längst eingestellt.)

10 Jahre nach der Ausstrahlung von "Im Jahr 2000" folgte ein Überblick über die tschechische Liedermacherszene von Miroslav Basta. Ihm verdanke ich die Kenntnis zweier Lieder von Jaromír Nohavica: "Dokud se zpívá (Man lebt solange man singt)" und "Moje malá válka (Mein kleiner Krieg)". In seinen kleinen Krieg sieht der Sänger sich jeden Morgen gezwungen auszurücken, weil man ihm das Seine raubt; Eine Sicht, die sich berührt mit Schwarz' Blick auf Vian, insbesondere dessen "Le déserteur" (das erst Wolf Biermann überzeugend singbar ins Deutsche zu bringen in der Lage war), "Le temps passe", "Sermonette" und "Conseils à un ami".

Die Beziehung zwischen der Unterbewertung des Lebens und der dem Buch "Der epochale Winter" von Hanspeter Padrutt entnehmbaren Kritik am Neuzeitlichen Objektivierenden Subjektivismus vermag ich noch nicht zu vertiefen. Vor meinem fälligen Kampf gegen die Bürokrazis (nach meiner Rückkehr aus dem Orient) wird das nachzuholen sein.

Mein Punkt:

Im Projekt Zwangsvereinigung von Ermershausen und Maroldsweisach liessen sie einmal die demokratische Maske fallen und wurden als Herrscher erkennbar:

Die Bürokrazis.

Mit ihnen will ich mich noch anlegen, nach meiner Rückkehr. Gewaltfrei, versteht sich.

{Hier folgen nun Ausführungen stehen, die aber in ihrer Urfassung von verschiedener Seite als derart missverständlich gerügt wurden, daß ich sie zurückgezogen hatte, um mir Gelegenheit zu geben, Abstand zu eigenen erlittenen Verletzungen zu gewinnen und anschliessend erst das Thema neu in Angriff zu nehmen. Bis dahin mußte ich mich darauf verlassen, daß der Fall Ermershausen für sich zu sprechen in der Lage sei; Siehe unten. Jedenfalls habe ich nicht behaupten wollen, daß Bürokrazis mehr als Einzelerscheinungen seien. Daß sie aber Gesetz und Verordnung an sich und als solche für wichtiger zu nehmen neigen als die Frage, ob diese auch aus Rechtserkenntnis erfolgt oder hervorgegangen seien, legt die Vermutung nahe, daß wir uns hier mit ein Potential zu befassen haben, das Recht und Freiheit zu gefährden geeignet ist und zu den Unrechtsregimen der Deutschen Geschichte Ähnlichkeiten aufweist, die bedenklich sind. Einzelfälle mögen manche als rein statistischen Faktor und wegen ihrer geringen Zahl für erträglich halten - Aber was, wenn man persönlich betroffen ist? Genau so ein Erleben aber scheint mich von hinreichender Skepsis gegen die eigene Auffassung abzuhalten...}

 

 

Für den Bürokrazi sind Recht und Gesetz nicht etwa ein Bündnis, in welchem das Recht als unerlässliche Ergänzung zum Gesetz hinzutreten muss (oder das Gesetz überhaupt erst zu fundieren habe); Vielmehr ist "Recht und Gesetz" ihm nur Chiffre für das, worum es ihm eigentlich zu tun ist: Ruhe und Ordnung. Das Bündnis, welches dem Bürokrazi vorschwebt ist das von den Obrigkeitlichen und den Fügsamen. Statt Mehr Demokratie verlangt er Mehr Gehorsam; Von den Untertanen, natürlich. (Und wem gegenüber? Na, ihm.) Denn der Bürokrazi ist nicht nur Herr in seinem Haus - Er ist der Staat! Nur dies entspricht seinem Selbstverständnis, und Bürgerrechte (oder gar Volkssouveränität) sind ihm nur ein Ausdruck notorischer Uneinsichtigkeit in das Notwendige (das sich, selbstredend, allein ruhig und ordentlich vollziehen lässt, auf - na klar - seinen Befehl hin).

Ein Hochamt feierte der Bürokrazistaat im Polizeiüberfall von Ermershausen. Hier wurden für "Ruhe und Ordnung" das Recht und die Freiheit unverfroren beiseite gedrängt, und die Polizisten wurden von Bürokrazis mit einer Selbstverständlichkeit gesetzestreu und verordnungskonform (aber eben doch rechtsschändend) in den Ort gesandt, daß es heute schwer zu sagen ist, ob die polizeilichen Vollzugsbeamten mehr als Vergewaltiger (des Ortes) auftraten oder als Prostituierte (des Bürokrazitums). Die Ermershausen auferlegte Zwangsvereinigung mit dem Nachbarort ließ sich nicht lange aufrechterhalten, immerhin.

Öffentliches Dienen Impertinent Simulierende (ÖDIS) sind eine verschwindend kleine Randgruppe, Bürokrazis sind gar Einzelerscheinungen. Damit sollen wir uns trösten? Besser wäre es derlei wäre nicht verschwindend wenig, sondern verschwunden; verlässlich, gänzlich und restlos. Die rein mengenmäßige Betrachtung der Problematik will nicht wahrhaben, daß jeder Einzelfall den Rechtsanspruch des Bürgers verletzt, von solchen Zeitgenossen eben nicht verwaltet (oder verfügend behandelt) zu werden.

Eine friedliche Koexistenz von Rechtsstaat und Bürokrazistaat in ein- und demselben Land ist jedenfalls unerträglich; Dann wäre es doch mal an der Zeit eine Entscheidung herbeizuführen, damit das Land entweder ganz das eine oder ganz das andere sei. Und welchem von beiden ist eigentlich der Parteienstaat seinem Wesen nach ähnlicher, einem Staat der Bürokrazis oder einem Staat des Rechts und der Freiheit?


Sehr bald schon jedenfalls soll der Bürokrazi das erhalten, was er sich verdient hat. Einen Korsaren? Einen
Gegner.


"Wahnsinnig und wohl auch lebensmüde?"

Zumindest nicht lebenssatt.

Dazu möchte ich fragen: Worauf warten wir?

http://www.discoveen.nl/dtworauf.htm


Aber es sind die falschen Hälse mancher, die man mit diesen Überlegungen konfrontiert, geradezu gierig weit geöffnet. Daher zur Klarstellung: Ich will ja Verwaltung und Verordnung nicht diskriminieren (und abschaffen schon gar nicht) - Ich will sie reinhalten. Ob das immer ohne Verwendung des einen oder anderen Gut Kehrenden Neuen Besens zu bewältigen sei, das wäre noch zu diskutieren...

Ich halte Alternativkonzepte von Anarchie bis Akratie für nicht überzeugend. Wer eine Ordnung abschaffen will, sollte eine bessere Ordnung anzubieten haben. Chaos und allgemeine Handlungsunfähigkeit darf man weder beabsichtigen noch billigend (oder gar wurschtig) in Kauf nehmen. Die breite (möglichst allgemeine) Verständigung zur unabdingbaren Voraussetzung eines Wechsels zu machen - Dies war die Grundlage zur Einrichtung des Konstruktiven Misstrauensvotums. Wer hat's erfunden? Nicht die Schweizer. Die Preussen.


http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=RANDI2

http://de.wikipedia.org/wiki/Misstrauensvotum 

http://www.exika.de/konstruktives_Misstrauensvotum

http://akademische-blaetter.de/zeitgeschehen/gestern-und-heute/60-jahre-grundgesetz


Zum Fall Ermershausen siehe:

http://www.osthessen-news.de/beitrag_A.php?id=1150142

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/laenderreport/895381/

http://de.wikipedia.org/wiki/Ermershausen

http://www.br-online.de/studio-franken/aktuelles-aus-franken/ermershausen-polizeisturm-aufs-rathaus-2008-kw21-ID1211190174206.xml

http://www.freies-wort.de/nachrichten/regional/hildburghausen/hildburghausenlokal/art2480,812432

http://admin.merkur-online.de/lokales/nachrichten/solidaritaet-gebietsreform-erwuchs-eine-tiefe-freundschaft-147598.html

http://www.zeit.de/1980/16/Mit-Dreschflegeln-und-Mistgabeln

 

(Es sollen Recht und Freiheit in deutschen Ämtern zur Geltung kommen, was nicht darauf abzielen wird, daß sich dort Angst ausbreite:

http://www.br-online.de/das-erste/report-muenchen/report-muenchen-aemter-video-ID129831213313.xml

http://www.br-online.de/content/cms/Universalseite/2010/07/26/cumulus/BR-online-Publikation-ab-10-2010--98956-20110221195752.pdf )

Obwohl - Etwas unbequem soll es für die Bürokrazis schon werden, und warum nicht auch für die ÖDIS, die Öffentliches Dienen Impertinent Simulierenden; Sind sie es doch, die ein das Bürokrazitum zur vollen Entfaltung zu bringen hervorragend geeignetes Soziotop bilden. (Aber auch damit treffe ich auf kräftige Widerrede...; Ich bin noch uneins.)

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Von Bismarck über Hitler zu Putin - Eine Betrachtung v. Martin Schodlok


Nach der Schlacht von Königgrätz gegen Österreich und vor dem Vorfrieden
von Nikolsburg schreibt Bismarck dem preußischen Botschafter in Paris im Juli
1866: „Unser preußisches Bedürfnis beschränkt sich auf die Disposition über
die Kräfte Norddeutschlands in irgendeiner Form (…) Ich spreche das Wort
Norddeutscher Bund unbedenklich aus, weil ich es (…) für unmöglich halte, das
süddeutsch-katholisch-bayerische Element hinzuzuziehen. Letzteres wird sich
von Berlin aus noch für lange Zeit nicht gutwillig regieren lassen.“ Und
tatsächlich: König Ludwig II. von Bayern versuchte Kaiser Napoleon III. von
Frankreich für ein Verteidigungsbündnis gegen Preußen zu gewinnen. In der
Julikrise von 1870 scheiterte Bismarcks Abschreckungspolitik gegen Frankreich:
Wie später Putin behauptete Napoleon III. man wolle ihn feindselig einkreisen.
(Spanien bot sich Bismarck als Partner an wie die Ukraine heute der NATO und
der EU, und Groß-Franzosen bedauerten den Verlust Kataloniens an Spanien
1814/15.) Ludwig II. zog es vor lieber ein Bündnis mit Bismarck zu riskieren,
bevor sich womöglich deutschlandbegeisterte Bayern zu seinem Sturz
zusammenrotteten. Und Bismarck erzwang von Frankreich die Abtretung der
Grenzdépartements an Rhin-et-Sarre und schuf daraus ein Reichsland
„Elsaß-Lothringen“ (ohne Landtag – der hätte ja für eine Wiedervereinigung mit
Frankreich abstimmen können! Die Landeskinder wurden einer Umerziehung
zum Deutschtum unterzogen, auf dem Schulgelände französisch zu sprechen
war bei Prügelstrafe verboten.). Mit dieser seiner Erfindung Reichsland
untermauerte Bismarck den Zwist zwischen den von ihm gefürchteten
süddeutsch-katholisch-bayerischen und dem katholisch-französischen Element,
die ja im Siebenjährigen Krieg sowie 1806 gegen Preußen gemeinsam
gekämpft hatten. Dass er damit das revanchistische Element in Frankreich
bestärkte, welches die Grenzdépartements so zurückgewinnen wollte wie
groß-russisch Gesonnene heute „Noworossija“, glaubte Bismarck kontrollieren
zu können.


Aber der preußisch-deutsche Generalstab meinte einen Präventivkrieg planen
zu müssen, um Frankreich an der Wiederaufrüstung zu hindern. Die
Geheimhaltung mißlang: Eine Berliner Zeitung erschien mit dem Leitartikel „Ist
der Krieg in Sicht?“ Schnell erklärten England und Russland, dass sie einer
weiteren Schwächung Frankreichs nicht untätig zusehen würden. Sebastian
Haffner schrieb: „Seither ersetzte der Albdruck der Koalitionen für Bismarck
den Albdruck der französischen Revanche. Zum ersten Mal zeigte sich so etwas
wie ein Vorschatten des Ersten Weltkrieges: jene mögliche Koalition zwischen
Frankreich, England und Russland, der das Deutsche Reich trotz all seiner
Stärke nach menschlichem Ermessen nicht gewachsen sein konnte und der es
sich aussetzte, wenn es über das 1871 Erreichte hinausging. Man möchte fast
sagen, dass der höchste Triumph Bismarcks schon die Wurzeln seines
Scheiterns enthielt und die Gründung des Deutschen Reiches schon den Keim
seines Untergangs.“ Soweit Haffner in „Von Bismarck zu Hitler – Ein Rückblick“
von 1987.


In „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ legte Haffner 1989 nach: „Als es zwei
Monate nach der Reichtagswahl von 1933 um das Ermächtigungsgesetz ging,
das der Regierung Hitlers diktatorische Vollmachten erteilen sollte, glaubte
Prälat Kaas, Parteivorsitzender der katholischen Zentrumspartei, jetzt sei seine
Stunde gekommen. (Das Zentrum war schon im Kaiserreich und noch mehr in
der Weimarer Zeit für jede Regierungsmehrheit unentbehrlich gewesen und
kam von der Vorstellung nicht los, das müsse auch im Hitlerreich so bleiben.)
Was Kaas verblendeterweise nicht sah, war, dass er gerade mit dem
Ermächtigungsgesetz seinen einzigen Trumpf aus der Hand gab: Nachdem er
seine Diktatorvollmacht einmal in der Tasche hatte, brauchte Hitler keine
parlamentarischen Mehrheiten mehr. Als Anfang Juli das Konkordat mit dem
Vatikan unter Dach und Fach war, telefonierte Kass aus Rom mit seinem
Stellvertreter beim Zentrum: Habt ihr euch noch immer nicht aufgelöst? Er
selbst blieb in Rom. Seine Partei ging am 5. Juli durch eigenen Beschluss in
Liquidation.“


Von seinem vatikanischen Standpunkt aus konnte Kaas sich ja trösten: Was
hatte der deutsche Katholizismus nicht für Sorgen zu tragen gehabt unter den
protestantischen Machthabern Bismarck und Wilhelm II.! Nun aber war mit
Hitler zwar kein süddeutsch-katholisch-bayerisches Element an der Macht,
aber zumindest ein frühzeitig nach Bayern emigriertes österreichischkatholisches
Element. Und seinen mit Himmler ausgearbeiteten Eroberungsplan
für deutsche Siedler in Osteuropa, der an die Eroberungs- und
Besiedlungspolitik des katholischen Deutschen Ordens in Ostpreußen in noch
größerem Maßstab anknüpfte, nannte Hitler Kreuzzug – Als hätte es ihm der
Pacelli-Pius-Papst persönlich diktiert.


Und wie schaut Putin darauf? Der Westen mag sich in Protestanten und
Katholiken gespalten haben, und die deutsche Selbstzerfleischung in
Religionskriegen legt Zeugnis davon ab, wie mörderisch dies zugehen kann.
Aber wenn sich eine Möglichkeit bietet, Russland zu schwächen – Reicht dann
nicht der Erzprotestant Obama dem Erzkatholiken Franziskus die Hand?
Noch einmal zu Haffners Rückblick: „Die Russen nahmen sich der
anti-türkischen Befreiungsbewegungen der Balkanvölker unter zwei
Gesichtspunkten an: erstens einem ideologischen, nämlich der beginnenden
panslawistischen Bewegung in Russland, zweitens einem machtpolitischen:
dem Drang zum Mittelmeer. Es musste immer ein russisches Ziel sein, in der
einen oder anderen Form die Kontrolle über die türkischen Meerengen zu
bekommen, so dass es die russische Flotte ins Mittelmeer strömen lassen und
zugleich die englische Flotte, die im Mittelmeer maßgebend war, aus dem
Schwarzen Meer heraushalten konnte.“


Bedenkt man, dass die „Grünen Männchen“ bei ihrer Invasion auf die Krim
Unterstützung durch serbische Freischärler erfuhren, dass die Regierung in
Kiew hingegen bei ihrem Kampf um das Donbass auf vom Islamischen Staat
(unter Duldung durch Erdogan) ausgerüstete Krimtataren bauen kann, und
dass Putin die orthodoxen Balten-Russen so instrumentalisieren könnte wie
Hitler die Sudetendeutschen, dann ist zu bezweifeln, ob die Religionskriege
zwischen Mittelmeer, der Ostsee und der Wolga schon ad acta gelegt werden
können.


Zumindest propagiert Putin seinen Verbündeten Bashar al-Assad als
Schutzpatron der orthodoxen Christen im Orient. Diese Christen hatten Zaren
zur Eroberung Jerusalems für Russland mehrfach zu mobilisieren versucht.
Ismail Enver Pascha, den Himmler dann als Inspirationsquelle heranzog, hatte
dazu auf den „Präventiv-Völkermord“, den ein Zar vor 151 Jahren an den
Tscherkessen in Sotschi beging, mit der Massakrierung der Armenier reagiert.
Wir gedachten der ersten Hinmetzelung im vergangenen Jahr, der zweiten
gedenken wir in diesem.
Aber werden wir auch die richtigen friedenspolitischen Schlüsse aus diesen
Verbrechen zu ziehen gewillt und in der Lage sein? (21. März 2015)